Patient first – aber wirklich? Fünf unbequeme Thesen zur sektorenübergreifenden Digitalisierung im Gesundheitswesen

Letzte Woche war ich beim beta_meet von _fbeta GmbH in Berlin. Das Thema: Verstehen, was wirkt. Was ich mitgenommen habe, ist nicht ganz neu, aber zeigt noch einmal auf, was für ein Weg noch vor uns liegt.

Anja Schweitzer präsentierte die ersten Ergebnisse der eHealth Insights-Erhebung: 4.000 Befragte, bevölkerungsrepräsentativ, Deutschland 2026. Die Zahl, die mich am meisten beeindruckt hat: 84% der Menschen zwischen 18 und 75 Jahren sind für digitale Versorgung aufgeschlossen. 51 Millionen Menschen. Das ist kein Nischenphänomen. Das ist ein gesellschaftlicher Konsens, der auf Einlösung wartet.

Und gleichzeitig: 64% der Herz-Kreislauf-Erkrankten können ärztliche Empfehlungen im Alltag nicht umsetzen. 20% bewegen sich weniger als 60 Minuten pro Woche – trotz Diagnose, trotz Empfehlung, trotz Wissen.

Die Lücke zwischen Potenzial und gelebter Wirklichkeit ist riesig. Und ich glaube, wir reden in dieser Branche zu selten offen darüber, woran das wirklich liegt. Also versuche ich es. Mit fünf Thesen, die vielleicht wehtun – aber notwendig sind.


These 1: Wir behandeln das Symptom, nicht die Ursache

Wir diskutieren seit Jahren über DiGA-Erstattungsmodelle, Vergütungsziffern und Zulassungsverfahren. Wichtige Themen – keine Frage. Aber wir verlieren dabei den Patienten aus den Augen.

Karsten Knöppler brachte es auf den Punkt: Als er selbst als Patient im System war, kam er kaum vor. Kurze Interaktion, wenig Erklärung, keine echte Orientierung. Und genau das – nicht die App-Funktionalität, nicht der Datenschutz – ist das eigentliche Problem. Eine Lösung, die der Patient nicht versteht, nicht einordnen kann und nicht als hilfreich erlebt, wird nicht genutzt. Punkt.

Die eHealth Insights-Daten bestätigen das: Die zwei größten Barrieren für digitale Gesundheitsangebote sind nicht Technikangst und nicht Datenschutzbedenken.

Es sind: erstens die Sorge, dass kommerzielle Interessen wichtiger sein könnten als die eigene Gesundheit (60%), und zweitens das Gefühl, dass die Lösung nicht auf die individuelle Situation passt (60%). Beides sind Kommunikations- und Vertrauensprobleme – keine technischen.

Wir müssen aufhören, primär Infrastruktur zu bauen, und anfangen, Vertrauen zu bauen.


These 2: Die Telematikinfrastruktur ist ein Fundament – aber noch lange kein Ökosystem

2025 war ein Meilenstein: Erstmals ist die TI nahezu flächendeckend verfügbar. ePA für alle (seit April 2025 im Rollout), E-Rezept als Standard, KIM-Nachrichten zwischen Leistungserbringern, Pflege seit Juli 2025 angebunden, Heilmittelerbringer ab 2026. Die Infrastruktur steht.

Aber: Eine Infrastruktur allein schafft keine Versorgung. Antje Weichard beschrieb es im Diskussionspanel so präzise wie ernüchternd: Als Diabetologin verwaltet sie täglich Datenberge aus Glukosesensoren und Closed-Loop-Systemen. Die TI liefert die Kanäle – aber wer kuratiert, priorisiert, interpretiert? Wer triagiert digital, wer haftet, wenn ein Algorithmus eine Konsultation nicht empfiehlt, obwohl sie nötig gewesen wäre?

TI-M (TI-Messenger) könnte hier echte Brücken schlagen. Ich habe das in der Diskussion direkt angesprochen: Messenger sind in der breiten Bevölkerung als Interaktionsform akzeptierter als ein Datenspeicher wie die ePA. TI-M könnte – wenn er nahtlos in Praxisverwaltungssysteme integriert wird – die Lücke zwischen Haus- und Facharzt, zwischen ambulant und stationär, zwischen Therapeut und Klinik schließen. Nicht als weiteres Tool, sondern als verbindende Kommunikationsschicht.

Die Voraussetzung: Interoperabilität. Nicht als Buzzword, sondern als gelebte technische Realität. Und genau hier hakt es noch überall. Die Mauer zwischen ambulant und stationär existiert auch im Digitalen.


These 3: Das Rollenmodell im Gesundheitswesen ist nicht mehr zeitgemäß

Unser Gesundheitssystem denkt in Sektoren: Arzt verordnet, Kasse zahlt, Patient nimmt. Dieses Modell funktioniert für die Akutversorgung. Für chronische Erkrankungen, für Prävention, für die digitale Begleitung über Jahre hinweg taugt es nicht.

Die eHealth Insights-Daten zeigen: Krankenkassen sind der stärkste initiale Impulsgeber für die Nutzung digitaler Gesundheitsangebote – noch stärker als Ärzte. Das überrascht. Und es fordert uns auf, ehrlich zu fragen: Darf und soll die Krankenkasse aktiv in den Versorgungsweg eingreifen?

Meine These: Ja – aber in einer klar definierten Rolle. Die Kasse als Gesundheitskompetenz-Coach, nicht als Verordner. Die Diabetesberaterin als kontinuierliche Begleiterin, nicht als Lückenbüßer. Der Hausarzt als Quarterback eines Teams – nicht als Alleskönner mit 7-Minuten-Konsultation.

Was wir brauchen, ist ein explizites Rollenmodell, das Incentives, Haftung und Vergütung sektorenübergreifend neu definiert. Tobias Bachmann (Medic) nannte es: Wir brauchen einfacheren Zugang zu digitalen Interventionen. Die Verordnungsstrecke einer DiGA ist heute noch zu komplex, um als Standard-Behandlungselement zu funktionieren. Wenn der Onboarding-Aufwand in der Praxis nicht refinanziert wird, wird er nicht erbracht. So einfach ist das.


These 4: KI kommt – egal ob das Gesundheitssystem bereit ist

Steffen Traverso (AOK Nordost) hat ausgesprochen, was viele denken: Patienten nutzen KI bereits. Jeden Tag. Für gesundheitliche Fragen. Die Schere zwischen KI-kompetenten und digital-schwachen Patienten öffnet sich dramatisch – mit direkten Folgen für Outcomes.

Weichard beschreibt es aus der Praxis: Patienten kommen mit ChatGPT-Recherchen in die Sprechstunde. Manchmal fundiert, manchmal Halbwahrheiten. Beides kostet Erklärungszeit, die nicht vergütet wird.

Das ist aber kein Argument gegen KI. Es ist ein Argument für ein kuratiertes KI-Angebot im Versorgungspfad. Leitlinienbasierte KI-Assistenz für Ärzte, die Patienten algorithmisch priorisiert. KI-gestützte Gesundheitskompetenz für Versicherte, die evidenzbasiert informiert statt verunsichert. Digitale Begleitung, die den Patienten nicht mit Erinnerungen und Auswertungen überflutet – denn 59% der Befragten nennen genau das als Barriere.

Die Frage ist nicht mehr, ob KI im Gesundheitswesen ankommt. Die Frage ist: Wer gestaltet das? Wer reguliert es? Und wer haftet, wenn sie falsch liegt?


These 5: Beim bestehenden Ärztemangel nicht zu digitalisieren ist keine Option mehr

Tobias Bachmann hat das stärkste Argument für digitale Versorgung formuliert – und es ist kein technologisches: In den nächsten 10–15 Jahren werden mehrere tausend Arztstellen wegbrechen. Nicht durch Ineffizienz, sondern durch Ruhestand. Auf dem Land gibt es bereits jetzt keine Fachärzte mehr. Wer in ländlichen Regionen lebt, hat schlicht keinen gleichen Zugang zur Versorgung.

Das ist keine Digitalisierungsdebatte. Das ist eine Gerechtigkeitsdebatte.

Digitale Versorgung – von Telemonitoring über DiGA bis zu KI-Triage – ist in diesem Kontext keine Komfortfunktion für technikaffine Großstädter. Sie ist die Infrastruktur für gleichwertige Lebensverhältnisse. Und wenn wir das nicht als politische Priorität setzen, werden wir in zehn Jahren vor einem strukturellen Versorgungskollaps stehen, der sich hätte abwenden lassen.

Die gute Nachricht: Die Bereitschaft ist da. 84% der Bevölkerung sind offen. Krankenkassen haben Reichweite und Vertrauen. Ärzte wollen entlastet werden. Hersteller bauen bessere Produkte. Die Telematikinfrastruktur steht.

Was fehlt, ist der politische Wille, all das zu einem kohärenten System zu verbinden.


Fazit: Was jetzt gebraucht wird

Die Diskussion beim fbeta beta_meet hat mir vor Augen geführt, dass wir viele der richtigen Fragen stellen. Aber wir brauchen mehr Mut zu konkreten Antworten – und mehr Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Konkret:

  • Eine explizite, sektorenübergreifende Versorgungsstrategie für chronisch Kranke, Multimorbide und Pflege – nicht als Leitlinie, sondern als politisch verantwortetes Zielbild
  • Refinanzierung von Onboarding-Aufwand in der Praxis für digitale Angebote – Verordnen ohne Erklären funktioniert nicht
  • TI-M und ePA als Kommunikationsrückgrat konsequent ausbauen – und zwar interoperabel, nicht als Insellösungen
  • Ein klares Haftungsmodell für KI-gestützte Versorgungsentscheidungen – ohne das bleibt KI in der Fläche ein Experiment
  • Mehr Zielgruppenforschung: Wer sind die 7,7 Millionen Herz-Kreislauf-Erkrankten zwischen 50 und 69? Was brauchen sie wirklich? Ohne diese Antworten bauen wir an der Realität vorbei.

„Wirksamkeit entsteht im Versorgungspfad – nicht im App Store.“ (Steffen Traverso, AOK Nordost)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: Es wird Zeit, dass wir aufhören, uns damit zufriedenzugeben, dass die Technik verfügbar ist. Und anfangen zu fragen, ob sie wirklich ankommt.

Ich freue mich über eure Gedanken und Perspektiven dazu – besonders von denen, die diese Herausforderungen täglich erleben: Ärztinnen und Ärzte, Kassen, Hersteller, Pflegekräfte, Patientenvertreter. Was übersehe ich? Was ist eurer Erfahrung nach der entscheidende Hebel?

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