Zwei Dokumente, eine Woche: Der erste Bericht der FinanzKommission Gesundheit (FKG). Und der Referentenentwurf des GeDIG – dem neuen Digitalgesetz fürs Gesundheitswesen.
Das eine will sparen. Das andere will modernisieren. Beides muss gleichzeitig passieren. Und beides könnte an denselben Mechanismen scheitern.
Die Lage
Ohne Reformen: 15,3 Milliarden Euro Deckungslücke in 2027. Bis 2030: 40,4 Milliarden. Für ein durchschnittliches GKV-Mitglied: 680 Euro mehr pro Jahr. Zusatzbeitragssatz von 2,9 auf 4,7 Prozent.
Die FKG hat 66 Empfehlungen vorgelegt. Gesamtvolumen: 42,3 Milliarden – fast das Dreifache der Lücke. Das war Absicht. Die Politik soll auswählen können. Steht so im Arbeitsauftrag des BMG.
Das Buffet-Problem
42 Milliarden klingen nach komfortablem Spielraum. Sind sie aber nicht. Denn jetzt beginnt das Rosinenpicken.
Die Ärzteschaft wird gegen die globale Vergütungsbremse kämpfen (5,5 Mrd. €). Pharma gegen den Herstellerabschlag. Krankenhäuser gegen die Streichung der Tarifrefinanzierung. Psychotherapeut:innen gegen die Rückführung in die MGV.
Das Problem: Sobald die erste Gruppe ihren Punkt erfolgreich raus verhandelt, fühlen sich alle anderen ermutigt. Klassischer Domino-Effekt. Am Ende steht ein Paket, daß nach Kompromiss aussieht – aber die Lücke nicht schließt. Und der Beitragssatz steigt trotzdem.
Mehr Geld ist nicht gleich bessere Gesundheit
Und hier lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Denn irgendwie scheint es so, als ginge es nur darum, wie viel Geld im System ist. Die eigentliche Frage ist doch: Was kommt dabei raus?
Die OECD-Zahlen von 2025 sind ernüchternd. Deutschland gibt 9.365 Dollar pro Kopf für Gesundheit aus – 12,3 Prozent des BIP. Frankreich gibt 7.367 Dollar pro Kopf aus – 11,5 Prozent des BIP. Also rund 2.000 Dollar weniger pro Person.
Und die Ergebnisse? In Frankreich liegt die Lebenserwartung bei 83 Jahren. In Deutschland bei 81,1 Jahren. Frankreich gibt also deutlich weniger aus – und die Menschen leben fast zwei Jahre länger.
Der wirklich erschreckende Wert: Deutschland hat 810 vermeidbare Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 473. Das sind Einweisungen, die bei besserer ambulanter Versorgung, besserer Prävention oder besserer Koordination nicht nötig gewesen wären. Das ist keine Kleinigkeit. Das weist auf ein ernsthaftes Problem im System hin.
Mehr Geld ins System pumpen löst dieses Problem nicht. Besser koordinieren, besser steuern, besser vorbeugen – das tut es. Und genau dafür braucht es digitale Infrastruktur.

Der Widerspruch: FKG streicht, GeDIG investiert
Während die FKG empfiehlt, die 600 Millionen Euro für die ePA-Befüllung ersatzlos zu streichen, legt das BMG mit dem GeDIG einen Entwurf vor, der die ePA zur zentralen Versorgungsplattform ausbauen will:
- Digitaler Versorgungseinstieg über die ePA – Terminbuchung, digitale Ersteinschätzung, Weiterleitung an die 116117 (ab Februar 2028)
- Elektronische Überweisung, verpflichtend ab September 2029
- Ende des Faxes in der medizinischen Kommunikation
- Krankenkassen dürfen ePA-Daten nutzen – für personalisierte, datenbasierte Prävention (§ 25b)
- Reallabore für innovative Datennutzung, bis zu neun Jahre (§ 284a)
Man kann nicht gleichzeitig die ePA zur Plattform ausbauen und ihre Vergütungsgrundlage streichen. Die Befüllungsvergütung kann man anpassen – aber ersatzlos streichen, bevor der Plattform-Mehrwert greift, ist wie die Tankstellen abzureißen, während man die Autobahn baut.
Das GeDIG ist kein IT-Projekt. Es ist ein Effizienzprojekt.
Der digitale Versorgungseinstieg (§ 345a) ist der Anfang von „digital vor ambulant vor stationär“. Also genau die Patientensteuerung, die bei 810 vermeidbaren Einweisungen pro 100.000 Einwohner dringend nötig wäre.
Der ePA-Zugriff für Krankenkassen (§ 25b) ermöglicht personalisierte Prävention statt Gießkanne. Statt nur eine Zuckersteuer für alle: gezielt auch Ansprache für diejenigen, deren Daten auf ein Risiko hinweisen. Das Positionspapier Digital Public Health der DGPH hat genau diese regulatorische Lücke identifiziert – das GeDIG schließt sie.
Die Reallabor-Klausel (§ 284a) gibt Kassen den Raum, KI-gestützte Ansätze zu erproben. In einer Welt, in der 40 Millionen Menschen täglich ChatGPT für Gesundheitsfragen nutzen, braucht das Gesundheitssystem eine sichere, datengestützte Alternative. Der TI-Messenger in Kombination mit ePA-Daten könnte das sein.
Was jetzt nicht passieren darf
Beim FKG-Bericht: Jede Verwässerung kostet Milliarden. Wenn die globale Vergütungsbremse fällt, muss die Politik ehrlich sagen, wo die fehlenden 5,5 Milliarden herkommen. Sonst steigt der Beitragssatz trotzdem – und das ganze Verfahren war umsonst.
Beim GeDIG: Die Fristen dürfen nicht im parlamentarischen Verfahren nach hinten rutschen. Dänemark hat 99 Prozent elektronische Rezepte und 97 Prozent elektronische Überweisungen. Deutschland plant die eÜberweisung für 2029. Das ist ambitioniert, aber machbar – wenn niemand bremst.
Der eigentliche Punkt
Sparen und digitalisieren sind keine Gegensätze. Die FKG schafft kurzfristig den Spielraum. Das GeDIG schafft die Infrastruktur für mittelfristige Effizienzgewinne. Und die OECD-Daten zeigen: Es geht nicht darum, mehr Geld ins System zu kippen. Es geht darum, mit dem vorhandenen Geld bessere Ergebnisse zu erzielen.
Frankreich schafft das schon heute – mit weniger Geld und besseren Outcomes. Deutschland hat die Werkzeuge dafür auf dem Tisch liegen. Beide. Gleichzeitig. Jetzt müssen sie nur noch benutzt werden.